Aires de Andalucía
Miguel Iven

Zwei große Lieben hat die Kastagnettenvirtuosin Friederike v. Krosigk: den Flamenco und die klassische Musik. Aus ihrem Bestreben, beide miteinander vertraut zu machen, erwachsen solch glückliche Momente wie der Konzertabend „Aires de Andalucia“.
Der Grat, auf dem der Pfad zwischen den Welten verläuft, ist schmal. Das wissen die Gitanos, die Zigeuner Andalusiens, die in dem Land geblieben sind, das einst die Mauren inspirierte. Aus den Eigenarten und Eigenbewegungen moslemischer, christlicher und jüdischer Kultur formten die Gitanos den Flamenco, den Gesang ihrer Seele, in dem sich unmittelbare Lebensfreude mit all dem mischt, was das Leben ausmacht – auch mit Melancholie und Schmerz.
Miguel Iven, der wohl bekannteste deutsche Flamencogitarrist, hat zwölf Jahre in Andalusien gewohnt, unter anderem mit den Gitanos in den Höhlen am Sacromonte. Er ist ein Wanderer, ein Pilger geworden zwischen den Welten. In seinen selbst geschriebenen Stücken berichtet er von diesem Dazwischen, dem auch Friederike v. Krosigks Tanz mit ihren Konzertkastagnetten seit jeher gilt. Sie hat von Anfang an ihren eigenen, authentischen Ausdruck entwickelt, ihr Musikmachen hat szenischen Charakter, ihr virtuoses Konzertkastagnetten-Spiel übernimmt den stürmischen Part der Füße im Flamenco, die Zapateados. Unterstützt wird sie durch die kraftvolle Percussion Conny Sommers.
Mit Sebastian Ude, dem Sologeiger des Leipziger Gewandhausorchesters verbindet die Künstlerin aus Mitteldeutschland die Liebe zur spanischen Klassik, Turina, de Falla etwa. Inmitten des Streichquartetts kultiviert die Konzertkastagnette ihren Rhythmus und scheint in Friederike v. Krosigks Händen gar Melodiebögen hervorzubringen. Die geistige Dimension der klassischen Musik nimmt durch die sinnliche und tänzerische Qualität der Konzertkastagnette Gestalt an. Darauf trifft die klare und warme Stimme der Opernsängerin Anne-Marie Seager, die über Bizets „Carmen“ ihre Liebe zur spanischen Musik entdeckt hat.
In dem Schmelztiegel der Kulturen und künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten begegnen sich die Künstler auf der Bühne: die Kastagnette neigt sich plaudernd zur Geige, die Gitarre bringt die Träume zum Weinen, die Stimme ist Ausdruck der Seele – und der Klang der Kastagnetten wird, wie ein spanisches Sprichwort sagt, zum Kuss der Götter.
Um die „andalusische Brise“ vollkommen zu machen, lesen Friederike von Krosigk und Miguel Iven aus Prosper Merimées auch heute noch faszinierender Novelle „Carmen“ – denn die dritte Liebe beider Künstler ist die Literatur.
Auf der Bühne erschaffen die Musiker ein mitreißendes musikalisch-geistiges Bild Spanien, lassen das Aroma dieses Landes ohrenfällig werden, begeistern mit immer neuen Aspekten, Stücken, Worten, faszinieren mit ihrer unbedingten Musikalität.